|
Obacht
- das ist eine richtig lange Geschichte. Wenn du fürs surfen bezahlen
musst, dann lohnt sich's, offline zu gehen.
Mein
letzter Urlaub Teil Eins: Weg Hier!
Ich musste hier weg, das wurde im Laufe des Freitags völlig klar.
Ich hatte gerade eine Baustelle hinter mich gebracht, sechs Wochen hatte
ich nur gearbeitet, an einem der letzten Tage hatte jemand beiläufig
zu mir gesagt: "Du verpasst ja den ganzen Frühling!".
Das hatte weh getan. Und als ich am Freitag Morgen, nach der Inbetriebnahme
des Bauwerkes, endlich wieder meinen Schreibtisch unter den Fingern
hatte und jede Minute genoss, jeden Schluck aus der Teetasse, jedes
Zukleben der frisch beantworteten Briefe, da fiel mir das ein: Jetzt
erst mal weg. Wieder zu mir kommen. Nächste Schritte planen, sanft
wieder in die Haut des Schriftstellers gleiten, entspannen. Sonne, fiel
mir ein, einfach in der Sonne sitzen, den Rücken an eine warme,
weiß gekalkte Wand lehnen, tief einatmen, irgendein würziger
Duft sollte das sein, vom nahegelegenen Wäldchen oder von der feuchten
Erde, meinetwegen auch vom Meer, wenn das auch schon nicht mehr ganz
mein Element war. Nicht mehr hier in der Stadt darben, sondern irgendwo
anders. Hier schien auch keine Sonne, am Freitag. Es war gerade Ende
März, und von Frühling konnte im Prinzip noch keine Rede sein,
aber irgendwas in mir war erwacht, derselbe Mechanismus wie der, der
Krokusse zum blühen bringt oder Bären aus dem Winterschlaf
weckt, ich konnte nichts dagegen tun, selbst wenn es wirklich nur dieser
Spruch vom Frühling-verpassen war, ich musste in die Sonne, oder
zumindest: Hier weg.
Ich räumte mein Arbeitszimmer auf, beantwortete Post. Ich telefonierte
mit irgendwelchen Stellen, die nur vormittags Sprechzeiten haben, und
für die ich seit Wochen keine Zeit gehabt hatte, ich kämmte
mich durch ein Häufchen Papier, das sich angesammelt hatte. Ich
dachte daran, nach Klagenfurt zu fahren. Das war mindestens tausend
Kilometer, und ich hatte dort einen Freund. Der auch "schreibt",
und mit dem es ziemlich gemütlich werden würde. Gemütlich.
Mit dem Rücken an einer weißen Hauswand, das war es ja, was
ich wollte. Auch wenn es Ende März fast noch zu früh war dafür.
Von Klagenfurt aus könnte ich einen Abstecher nach Ljubljana tun,
dort kannte ich ein Mädchen, die mir Briefe in einer faszinierenden
Krakelschrift schrieb, und die, als ich sie kennen lernte, Jogginghosen
getragen hatte. Das war gerade das richtige, Jogginghosen; gemütlich.
Ich ging einkaufen und überlegte, ob ich wirklich einfach wegfahren
könnte, es sprach tatsächlich nichts dagegen. Eine Woche lang,
vielleicht auch zwei, stand mir nichts im Weg. Gegen drei Uhr telefonierte
ich mit Klagenfurt. Es hatte keine Zeit für mich. Sonst immer,
gerne sogar, aber gerade nächste Woche, irgendein Termin, außerdem
ein Bewerbungsgespräch in Wien, ich hörte schon nicht mehr
richtig zu, das brachte alles durcheinander. Ich müsste ja auch
schon Samstag fahren, also morgen, um das Spezialangebot der Eisenbahn
nutzen zu können. Ich verabschiedete mich knapp von meinem Freund.
Jetzt saß ich ein bisschen blöd da. Ich wollte weg. Aber
ich wollte keinen Stress, keine Action, ich wollte gemütlich. Die
Frau in Ljubljana kannte ich nicht gut genug, um bei ihr zu wohnen,
ich dachte auch, sie hätte keinen Platz. Ich müsste ja schreiben
können, am besten auf einer Terrasse mit diesem Duft in der Luft,
der anders sein sollte als der, den ich hier in der Stadt ertragen musste.
Klagenfurt wäre okay gewesen, etwas über zweihundert Mark,
hin und zurück, mit den Spezialangeboten, und das ist eine kleine
Stadt, dachte ich, das wäre schon gemütlich.
Ich dachte daran, wie das auf der Landkarte aussah. Ljubljana ist in
Slowenien, und es ist nicht allzu weit weg von Kroatien mit seiner Küste.
In Pula war ich mal gewesen, ein paar Tage lang, ich hatte dort jemanden
besucht, meine damalige Freundin, die dort als Freiwillige in einem
Flüchtlingsheim mitarbeitete. Es war eine düstere Erinnerung.
Mitten im Winter, eine graue, tieftraurige Stadt, die Wellen plätscherten
völlig lustlos an einen Betonstrand, unter Protest, so hörte
sich das an. Die Wirtin von der Bar, in der die Freiwilligen, darunter
meine Freundin, abends herumhingen, ließ mich kostenlos in einer
kleinen, leeren Wohnung übernachten für drei Nächte.
Das war ein Flur, ein Bad und ein Zimmer, und von keinem der Räume
aus konnte man den Himmel sehen. Das einzige Fenster in dem Raum, in
dem eine Couch und ein komplett bis zum Fußboden heruntergelegenes
Bett stand, sah auf eine Art Innenhof, grau und zugestellt mit Müll.
Ich erinnere mich daran, wie wir duschten, zu zweit, es war Dezember,
und das Wasser tröpfelte spärlich aus dem Elektroboiler. Danach
sprangen wir in das Bett und wärmten uns gegenseitig, wir zogen
uns die schwere Daunendecke über den Kopf und betrachteten uns,
nackt wie wir waren, unter der Decke. Es war ein sehr, sehr großer
Moment, ich erinnere mich nicht mehr genau, was wir als nächstes
taten. Aber ich kann es mir denken.
Ich war per Anhalter nach Pula gekommen, von Triest aus. Eine Studentin
hatte mich mitgenommen bis etwa die halbe Halbinsel hinunter. Dann stand
ich an der Straße, und kaum ein Auto fuhr noch vorbei. Ich fing
an zu laufen, es gab gerade eine schmale Straße nach Pula, die
schlängelte sich zwischen Hügeln und Feldern entlang, ab und
zu ging ein Weg zu einem Dorf davon ab. Die Häuser in den Dörfern
waren aus Bruchstein, verwittert, mit einfachen Dächern und ganz
kleinen Fensterchen. Ich sah sie mir nicht näher an, ich lief nach
Pula und streckte den wenigen Autos meinen Finger entgegen. Das besondere
war, die Erde auf den Feldern war rot. Und sie duftete... nach Jugoslawien.
Ich war nämlich schon als Kind einmal dortgewesen, auf einem FKK-Campingplatz,
in dem wir einen Bungalow bewohnten, ich erinnere mich praktisch nicht
mehr daran, nur an den Bungalow, wie meine Mutter uns Kindern abends
aus Jim Knopf und die Wilde Dreizehn vorlas, an die Quallen, vor denen
ich eine Heidenangst hatte, und an einen Mann mit Elektromotorschlauchboot,
den meine Mutter kennen gelernt hatte, und der mit uns eine Spazierfahrt
machte, alle nackt. Aber dieser Duft... wie soll ich den beschreiben...
Lehmig, rote-Erdig, felsig, quallig. Nackig. Elektromotorig. Jugoslawig.
Das wäre gar nicht schlecht, dieser Duft. Und dieser Bungalow.
Das war eine Pauschal-Busreise gewesen damals. Diese Anlagen, die würden
doch jetzt leer stehen, im März, das konnte doch nicht teuer sein,
so was zu mieten. Ich stand auf und holte die gelben Seiten aus dem
anderen Zimmer, das zweite Buch, I-Z für Reisebüro. Und da
dann K für Kroatien. Ich blätterte hin und her, so ein Bungalow,
Nebensaison-Sonderpreis mit Halbpension, verdammt noch mal, ich nehm'
die Erika mit und einen Koffer mit Papier, und dann sitze ich da und
lehne mich an eine Wand, die in einem jugoslawischen Ockergelb gestrichen
ist und tippe, das wäre doch gerade richtig. Krk, eine Insel. Oder
einfach nur eine Unterkunft, die ich hier buche, und dann fahre ich
alleine dort hin, ich würde schon wieder ein tolles Bahnangebot
ausfindig machen, oder ich würde einfach mal wieder per Anhalter
fahren, lange nicht gemacht, das, für einen unbestimmten Urlaub
eigentlich genau das richtige, dachte ich. Aber ich fand kein einziges
Reisebüro, das Kroatien im Namen oder in der Anzeige hatte. Bloß
Flugreisen, Bildungsreisen, Fahrradreisen.
In diesem Moment klingelte das Telefon. Eine Freundin war es, die eben
erst in Deutschland gewesen war. Aus Mazedonien rief sie an, in Skopje
wohnte sie. Ich fand sie sehr nett, auf jeden Fall. Wir hatten miteinander
gebadet, das war schon ziemlich gemütlich gewesen. Ich erzählte
ihr, dass ich gerade im Telefonbuch nach Kroatien suchte. Sie sagte,
wenn ich nach Kroatien fuhr, könnte ich auch nach Mazedonien, sie
besuchen. Sie würde sich freuen, ich sollte das mal erleben dort,
es wäre so anders als das, was ich kannte, ich könnte sogar
im Landhaus der Familie wohnen, sie und ihre Mutter lebten derzeit in
der Stadtwohnung.
"Aber das ist doch so weit!"
"Na und?"
"Hm.", machte ich, und sagte, dass ich darüber nachdenken
werde.
Ich hatte schon mal darüber nachgedacht, und mir eine Reiseverbindung
ausdrucken lassen. Ich mußte ein bißchen im Schrank wühlen,
aber ich fand sie: Dreiunddreißig Stunden im Zug. Budapest umsteigen.
Morgens los und nächsten Abend dort, oder abends los und übernächsten
Morgen dort.
Das war doch eine ziemliche Aktion. Würde mich doch durcheinanderbringen
wie nochmal was. Ich hatte ja ein Buch, an dem ich weiterarbeiten wollte,
es spielte in Berlin, ich bräuchte nur etwas frische Ruhe dafür.
Andererseits, in der Landwohnung gab es angeblich einen Riesengarten.
Und es war eine nette Frau, dort. Die sich auf mich freuen würde
- auch nicht selbstverständlich. Und ob ich das zu schätzen
wusste, auch wenn man es mir nicht anmerkte. Andererseits, dreiunddreißig
Stunden sitzen... Jetzt im Frühling? Und ich wollte ja nur ein
bißchen weg hier, es müsste ja nicht um die Welt sein für
zwei Wochen, ein Häuschen im Grünen würde ausreichen,
eine Pension in Polen, mit Wald drumherum.
Eigentlich war ich darauf vorbereitet gewesen, wegzuwollen aus der Stadt,
wenn der Frühling käme. Ich hatte mir bereits im Februar überlegt,
auf Bauernhöfen mitzuarbeiten, gegen Kost und Logis den halben
Tag lang auf dem Acker verbringen. Aber nicht in Deutschland. Ich wollte
lieber nicht gleich alle Probleme mitkriegen, mit denen Bauern sich
heute herumschlagen müssen; mir schwebte vor, meine Arbeit zu tun
und ansonsten zu schreiben und die Natur zu genießen, Biohöfe
würden das sein und zwar in Dänemark, hatte ich mir überlegt.
Die Dänen waren ein freundliches Volk, ich wusste das, weil ich
schon mal in Kopenhagen gewesen war. Dänische Biohöfe. Ich
hatte bereits die Liste mit den Adressen. Das Dumme war nur, es war
März, und da war es in Dänemark vermutlich noch weniger frühlingshaft
als hier. Außerdem wäre das ja auch eine Chance, nach Skopje
zu fahren . Erstens würde meine Freundin dort bald nach Deutschland
kommen zum studieren, dann könnte ich sie in Mazedonien nicht mehr
besuchen, und zweitens würde die Bahn in wenigen Tagen ihre Preise
erhöhen, das sagten sie mir am Telefon: Den März noch wär's
ein Schnäppchen, zweihundertneunzig Mark, hin und zurück.
Mit sämtlichen Ermäßigungen. Für bis fast nach
Griechenland. Vielleicht sollte ich nach Griechenland. Dort war es sicherlich
warm. Aber warum so weit weg? Warum nicht Mecklenburg? Warum kenne ich
dort niemanden, der mich auf seiner Bank sitzen lässt, wenn die
Sonne herauskommt, es ging ja eigentlich wirklich nur darum, dass ich
draußen sitzen könnte, wenn es warm würde. Hier in der
Stadt sitzen dann immer gleich zwanzig auf einer Bank im Park. Ich mochte
das nicht, aber es machte auch keinen Spaß, herumzugrübeln,
mein Mitbewohner kam nach Hause und schlug mir vor, Urlaub in der Stadt
zu machen, in Cafés zu sitzen und ab und zu "rauszufahren".
"Aber das mach' ich doch eh' ständig!"
"In letzter Zeit doch nicht. Du hast doch auf der Baustelle gearbeitet."
"Hm".
Ich legte mich schlafen.
Als ich am Samstag Morgen aufwachte, hatte ich gleich wieder dieses
Hin und Her im Kopf. Ganz Blöd. Normalerweise wache ich in der
Früh auf, versuche, an mein Buch zu denken, und wenn's klappt,
koche ich mir Schwarztee und setz mich an den Schreibtisch. Wenn nicht,
dann muss ich mir etwas anderes einfallen lassen.
An diesem Samstag dachte ich gleich wieder an Mazedonien, bäh,
zu weit, aber hm, wohin dann etc. Ich stand auf, und ohne Tee zu machen
ging ich aus dem Haus, neun Uhr etwa, um mir eine Zeitung zu kaufen,
in der Reiseanzeigen ständen. Damit in ein Café, dachte
ich. In unserem Kasten lag immer nur die taz, und dort drin gab es nicht
diese fett schwarz eingerahmten Busreisen; ich nahm die taz zwar mit,
kaufte mir aber am Kiosk noch eine normale Zeitung. Kurz vor dem Kiosk
drehte ich allerdings nochmal um, und ging fast ganz zurück zu
unserer Wohnung, weil ich dachte, ach nee, ich schreibe jetzt lieber,
und zwar genau über dieses wegwollen. Ich hatte den Anfang schon
im Kopf, das genügte normalerweise. Kurz vor Zuhause kehrte ich
wieder um, weil ich dann dachte, nee, du wolltest dir doch eine Zeitung
kaufen, so leicht kommst du hier nicht raus aus diesem Dilemma, mal
eben alles aufschreiben, schön wär's.
Dabei fällt mir ein, so war es gar nicht. Ich meine, da fehlt was.
Ich habe ja noch ein Buch fertiggelesen davor, zwischen Aufwachen und
Aus-dem-Haus gehen. Ein total schlechtes Buch, ich habe es an die Wand
geschmissen als ich endlich damit durch war, und dann bin ich aufgestanden
und habe erst mal einen kurzen Brief an den Autoren verfasst. Und als
ich dann rausging, wollte ich nicht nur eine Zeitung kaufen, sondern
auch zum Buchladen, um mir die Adresse vom Verlag des schlechten Buches
geben zu lassen. Genau. Und nachdem ich endlich beim Kiosk angekommen
war und eine Zeitung gekauft hatte, ging ich erst mal die Straße
hinunter, wo ein Café ist, in dem ich vor einigen Tagen eine
ganz tolle Frau gesehen hatte. Ich weiß schon, dass jetzt hier
schon wieder von einer Frau die Rede ist, und ich will auch nicht verschweigen,
dass mich eben das in dem Buch, das ich an die Wand gepfeffert habe,
genervt hat. Das der Typ so peinliches Zeug über sich und die Frauen
geschrieben hat. Aber ich sag jetzt mal, hier bei mir ist das was anderes.
Ich erfinde ja auch nichts, ich will ja nur aufschreiben, was für
komische Probleme ich manchmal habe, also ich finde das aufschreibenswert.
Vor einigen Tagen war ich also so gegen Mittag in das Café gegangen.
Das war noch während der Bauarbeiten, wir waren essen gewesen,
ein paar Kollegen und ich, und die laberten vielleicht einen Blödsinn
an diesem Tag, das konnte ich gar nicht glauben. Das man Katzen mit
dem Kopf in ihre eigene Scheiße tauchen muss, wenn sie in die
Wohnung gekackt haben, oder das man sie als Lektion am besten auf das
Dach des Nachbarhauses schleudert. So was bescheuertes! Das wollte ich
mir überhaupt nicht anhören, und bin von ihnen fortgegangen,
als unsere Mittagspause gerade erst zur Hälfte vorbei war. Ich
hatte so was Ähnliches gerade erst geträumt, na ja ähnlich:
Da waren Hühner gewesen, in einem Supermarkt. Die konnte man kaufen,
zum essen, lebendige Hühner, die in so grünen Gemüsekisten
aus Kunststoff gestapelt waren, ganz eng beieinander. Einige der Hühner
waren aufgewacht und torkelten durch die Gänge des Supermarktes,
sie hatten Hunger und Durst, das war ganz klar, aber sie fanden nichts
und niemand gab ihnen was. Ich machte zwei Angestellte darauf aufmerksam.
Die machten sich lustig über mich, waren sehr rüde. Ich sagte,
ich werde mich beschweren. Aber als ich in der Tiefgarage war und in
mein Auto steigen wollte, da kam ein Angestellter im weißen Kittel,
ganz ruhig, und bereitete sich vor, meine Scheinwerfer kaputtzuschlagen.
Ich hielt die Hand davor. Da griff er in die Taschen seines weißen
Kittels, die ganze Zeit ganz stumm, eine dicke Brille auf der Nase,
und holte eine Rasierklinge heraus, eine große, die hielt er mir
direkt über den Handrücken. Er würde mir damit die Hand
durchschneiden, wenn ich ihn nicht gewähren ließe. Ich glaube,
er wollte die armen Hühner ganz einfach verdursten lassen. Oh Mann.
Es ging noch eine Stufe weiter, ganz fies. Aber vielleicht sollte ich
das für mich behalten, Träume, schlimm genug, wenn ich das
erlebe. Jedenfalls, Typen, die Tiere quälen, sind auch zu Menschen
böse, klarer Fall, oder?
Ich ging lieber in das Café gegenüber, es sah auch so aus,
als ob dort Sonne auf die Stufen scheinen würde. Ich ging erst
mal hinein, um mir einen Kaffee zu bestellen, und da traf ich einen
Freund hinter der Theke, so was. Einen Bekannten, na gut, der dort arbeitete.
Ich ließ mir einen Kaffee geben, und es gab noch eine Bedienung,
und die war große Klasse. Wie sie mich anlächelte! Ich war
dreckig und hatte ein Kopftuch an, damit die Haare nicht so staubig
werden, sie sah mich voll nett an, sie hatte... ein schönes Gesicht...
und etwas breitere Hüften... ich kann mir Gesichter schlecht merken;
sie lächelte, wenigstens das weiß ich noch. Ich Blödmann
ging natürlich trotzdem 'raus mit dem Kaffee, obwohl in diesem
Moment die Sonne verschwand, ich wartete darauf, dass sie wiederkam,
was nicht passierte, dann ging ich wieder hinein und setzte mich an
die Theke. Ein Typ sprach mich an, keine Ahnung, was der damit zu tun
hatte, ich redete auf einmal mit einem Typen, der auch an der Theke
saß. Ich sah mir jedenfalls immer wieder die Frau an und irgendwann
ging ich weg, so eine doofe Geschichte, fällt mir auf; dafür,
dass das die erste Frau seit Wochen war, die mir spontan auffiel, hatte
ich ziemlich wenig draus gemacht.
Immerhin ging ich Samstags wieder zu diesem Café, in Zivil, mit
meinen Zeitungen und mit meinem Wegfahrwunsch. Da war ein Mann am Tische
draußen aufstellen, es war ja ein ganz milder Tag. Er sagte, dass
er noch nicht auf hat, aber draußen könnte ich mich schon
hinsetzen, einen Tee konnte ich auch schon haben. Ich nahm Roebusch.
In der taz stand gar nichts. Entweder Fernreisen oder Ferienwohnungen.
Zwar waren die Anzeigen nach Ländergruppen sortiert, aber das nützte
mir auch nichts, wenn Kroatien nicht dabei war, und auch sonst keine
interessanten und billigen Pauschal-Busreisen. Das fand ich dann in
der anderen Zeitung. 2 ½ Tage Böhmerland inkl. böhm.
Abend mit Musik und Freibier, 129.- DM. Ich weiß ja nicht. Wollte
ich schon auch mal machen, so was, und es wäre auch kein Stress,
weil dazu müsste ich wirklich nur am Freitag morgen am Fernsehturm
stehen. Aber so was allein... da bräuchte ich mindestens noch jemanden
fürs Doppelzimmer, damit ich nicht mit einer schnarchenden Bierleiche...
nein, völlig undenkbar. Außerdem, Freitag! Das war ja gerade
vorbei. Und ob ich im "Goldenen Hirsch" in Jablonec in der
Sonne sitzen könnte... Kennt jemand den goldenen Hirsch? Ich wusste
gar nicht, wo das war, Böhmerland. Holland zur Tulpenblüte
gab es noch, Gardasee, Masuren. Wusste ich auch nicht, wo die waren.
Und sowieso, alle Reisen starteten Freitag. Wenn ich jemanden hätte,
der mitkommt, dann täte ich das schon ausprobieren.
Sonst gab es nur Flugreisen und Ferienwohnungen. Gar nichts für
so jemanden wie mich, hatte ich das Gefühl, und es machte mich
etwas traurig. Die schleusten ihre Touristen wirklich in ein paar große
Urlaubskanäle 'rein, Lloret, Mallorca, Italien, und die Leute schienen
das mitzumachen. Mallorca-Shuttle. Spar&Weg. Mich widerte das plötzlich
an, dieses ganze Verreisen. Warum war ich bloß auf diese Idee
gekommen? Ich war doch gern Zuhause, jetzt hatte ich wieder Zeit und
könnte wieder schreiben. Oder Urlaub in der Stadt machen. Vielleicht
war alles, was ich brauchte, meine Gedanken auf die Reise zu schicken,
und nach ein paar Stunden würde es gut sein. Ich stand auf und
zahlte, leider war die nette Bedienung heute nicht gekommen.
Na gut. Samstag, Sonntag, Urlaub in der Stadt. Funktionierte fast. Ich
traf einen Freund und wir gingen Kaffee trinken. Ich bekam im Buchladen
die Adresse des Verlags des schlechten Buches und warf den Brief noch
vor der Samstagsleerung in den Kasten. Ich besuchte Bekannte und baute
ihnen einen Briefkasten. Ich aß Döner Kebab, schrieb eine
Postkarte und fand eine Zinkbadewanne in einem Schrottcontainer, die
ich mit nach Hause schleppte. Das würde ein Regal geben, oder einen
Lampenschirm oder ein Blumenbeet vor dem Fenster im dritten Stock.
Ich erkundigte mich beiläufig bei allen Leuten, die ich traf, ob
sie nicht demnächst irgendwohin fahren würden. Samstagnachmittag
bekam ich einen Anruf aus Skopje, ob ich nun käme oder nicht.
"Ich glaube, das ist mir ehrlich zu weit."
"Neiiin!"
"Ich würde morgens um vier Uhr vierundzwanzig ankommen!"
"Na und?"
"Hm."
Ich fing wieder an, die Karte auszupacken. Der Zug würde um Viertel
vor acht Uhr abends fahren, es war schon halb sieben, also, dachte ich,
heute jedenfalls nicht mehr. Es war schön, dass jemand wollte,
dass ich komme. Die Gelegenheit war günstig, aber soweit war ich
ja schon mal gewesen.
Ich fuhr mit dem Rad zum neueröffneten Bahnhof Alexanderplatz und
erkundigte mich noch einmal nach dem Fahrpreis. Wollte alles nochmal
schwarz auf weiß haben oder so. Damit waren die zwei älteren
Damen am Schalter fast eine halbe Stunde lang beschäftigt, und
am Ende war es viel teurer als das, was ich am Telefon gesagt bekommen
hatte. Es war ein bißchen traurig, wie diese Frauen nicht gut
mit dem Computer umgehen konnten, es war fast gemein, es ihnen zuzumuten.
Diese zwei hätten ganz toll ein Kinderheim versorgt, ich sah es
ihnen an, es war eine Unverschämtheit, sie vor einen Computer zu
setzen, wo sie dann versuchen mussten, die Grenzbahnhöfe für
eine Fahrt nach Skopje herauszufinden. Und dann sollten sie auch noch
wissen, wie frau den Preis für "Euro-Domino" aus der
Kiste kitzelt. Aber ich konnte doch auch nicht sagen, na gut, dann lassen
sie's, weil der Nächste, der kommt, ist ein Prüfbeamter, und
wenn der sie nach der billigsten Karte nach Skopje fragt, dann sollten
sie das wohl vorher besser schon mal gemacht haben. Die dickere der
beiden fragte mich schließlich, warum ich nicht einfach fliegen
würde, ginge doch viel schneller: "Haben Sie Angst?"
Mein Mitleid war wie weggeblasen. Fliegen! Wir redeten doch vom Reisen,
oder? Fliegen, das hatte ja schon fast was mit Videoschauen zu tun,
einsteigen und ankommen, nein, dachte ich, so eine weite Reise muss
wehtun!
Durch Tschechien, Slowakei, Ungarn, Jugoslawien, das muss ich spüren
und an jeder Grenze den Lauf der Kalaschnikow des Grenzbeamten von meinem
Koffer stupsen(Ostblock!), voller Angst, er könnte mein Manuskript
konfiszieren, das ich natürlich mitnehmen würde. Ich müsste
schon etwas leisten, um hier wegzukommen, sonst wäre das vollkommen
sinnlos.
Irgendwie bestärkte das meinen Entschluss. Für einen Moment,
jedenfalls. Etwas leisten, um dann befreit aufzuatmen, Ich bin ihr entkommen,
dieser Stadt. Als ich wieder Zuhause war, telefonierte ich mit den Expertinnen
unter 19419 und ließ mir genau sagen, was für Tickets ich
am Schalter zu bestellen hätte . Für welche Länder Euro-Domino,
und für welche Länder Twen-Tickets. Zweihundertneunzig Mark
noch bis Dienstag: Ab Mittwoch, 1. April, würden die Preise angehoben.
Ich würde am Sonntag Abend nach Skopje fahren. Ich würde meiner
Freundin dort ein Massageöl mitbringen und ihr die Anwendung gleich
mitschenken. Ich könnte zum Zoo fahren, und im Body-Shop eins kaufen.
Mein Zug fuhr ab von Lichtenberg. Während ich neben dem Telefon
darauf wartete, dass die Dame am anderen Ende der Leitung nochmal alles
zusammenrechnete, fiel mein Blick auf die Ausdrucke, Teile meines Romans,
die um mich herum hingen. Ich saß auf dem Platz mit dem Chefsessel,
an dem ich für gewöhnlich tippte. Nach dem Telefonat schaffte
ich es sogar, knapp fünf Seiten meines Buches durchzulesen, ein
wichtiger Anfang, um wieder "hineinzukommen". Zufrieden legte
ich mich schlafen.
Ich kam am Sonntag nicht weg, weil herrliches Wetter war und ich mit
meinem Mitbewohner herumstreunte. Die Zeit war vorgestellt worden, und
ich schaffte es nicht rechtzeitig, mich definitiv dafür zu entscheiden,
heute wegzufahren. Ich vermutete auch immer wieder, dass so eine weite
Reise gerade das falsche für mich wäre. Ich kannte das ja
auch, dann hätte ich meinen Schreibtisch nicht mehr bei mir und
nicht die Möglichkeit, Musik zu hören oder den Computer zu
benutzen. Ich bekam sogar etwas Angst, ich könnte mich einsam fühlen.
Ich schaffte es nichteinmal, zum Bahnhof Zoo zu fahren und Massageöl
zu kaufen. Ich las ein winzig kleines Stück aus meinem Buch und
griff dann nach der Liste dänischer Bauernhöfe. Ich schrieb
ein paar Briefe an Adressen aus der Liste, dann frühstückte
ich mit meinem Mitbewohner und wir gingen spazieren. Wir fanden einen
Ort, an dem Bekannte in der Sonne lagen, und abends gingen wir Federballspielen
in den Park, anstatt zum Bahnhof. Es war schon schön. Aber dieses
Wegfahrenwollen, das hörte auch nicht auf. Sonntags dachte ich
den ganzen Tag daran, am Montag nochmal auf die Baustelle zu gehen,
und den letzten Rest der Sachen wegzuräumen, die noch von meiner
Arbeit übriggeblieben waren. Dann könnte ich Montag Abend
immer noch wegfahren.
Blöderweise funktionierte das nicht so reibungslos, denn als Montags
um sieben der Wecker piepste, da wollte ich viel lieber Zuhause bleiben
als zur Arbeit zu gehen. Gar nicht mal schlafen: Ich schaltete den Computer
an und machte mir Tee, dann fing ich an zu tippen, nicht für meinen
Roman, was anderes, gefiel mir gut, aber so gegen neun, da fiel mein
Blick wieder auf diese Busreisenwerbungen, und ich blätterte nochmal
die gesamte Reisebeilage der Zeitung vom Kiosk durch, ob da nicht doch
was für mich dabei wäre. Das brachte mich komplett aus meiner
Geschichte, entnervt verließ ich den Schreibtisch, und dieses
Winterschlafsaufwachgefühl, das war immer noch da, nach wie vor,
die gleichen Bilder, Eichenwald im Sommer, Bank vor weißer sonniger
Wand, irgendwelche Berge. Ich hatte die Idee, jeden Tag eine S-Bahn-Endstation
zu erforschen, und für etwa zwei Minuten fand ich das großartig.
Dann dachte ich wieder daran, wie Jugoslawien roch, und auf einmal hatte
ich große Lust, in dieses geheimnisvolle Mazedonien zu fahren,
dreiunddreißig Stunden, HEUTE ABEND! Ich ging einkaufen, Brot
fehlte und Milch, vor allem wollte ich nach einem Massageöl kucken
im Bioladen. Es gab etwas aus Tahiti, aber völlig fest, in einer
Glasflasche. Ich hätte gar nicht gewusst, wie ich das Zeug dort
herausbekommen hätte sollen. Außerdem war das Etikett französisch,
und da mußte ich immer an Atomtests denken. Ich wollte mehr etwas,
das mir zuruft: Kauf mich! Ich bin das beste! Ganz natürlich, Ihr
werdet euch mit mir beschmieren und euch lieben wie noch nie! Ich bin
ohne Tierversuche und Atomtests gemacht und nachfüllbar. Ich koste
angemessen!
Aber es gab nur noch ein anderes Massageöl. Es hieß Blue
Wave (sinnlich), beziehungsweise Green Wave (stimulierend). Es war in
einer durchsichtigen Plastiktube verpackt und hinten drauf stand so
ein Blödsinn, leider, dass mein ganzer Entschluss, nach Mazedonien
zu fahren, zu bröckeln begann. Denn das konnte ich nicht kaufen.
Und extra noch zum Zoo - oh je.
Ich habe aufgeschrieben, was auf der Tube stand: Green Wave Body Lotion.
Das Elementare suchen in der würzigen Stille algengrüner Tiefen.
Darf ich Ihnen das mal in die Ohren schreien, bitte?
DAS ELEMENTARE SUCHEN IN DER WÜRZIGEN STILLE ALGENGRÜNER TIEFEN!!
Soviel Blödsinn in einem einzigen Satz. Scheiße, das machte
mich traurig. Soviel packe ich nicht in ein ganzes Buch, behaupte ich.
Aber eingebildeter Schriftsteller ist eine andere Geschichte. Ich will
ja hier nicht langweilen. Ich habe ja mein Problem noch nicht gelöst.
Ich weiß noch immer nicht, was ich machen soll.
Wenn ich noch zum Märzpreis nach Skopje fahre, dann will ich schlimmstenfalls
zurück. Oder?
Aber... dann WILL ich ja zurück.
Das heißt: Wenn ich DANN zurück fahre - dann habe ich endlich,
was ich will. Für zweihundertneunzig Mark. Wau. Was für ein
Argument.
Was für ein Argument. Ich packe jetzt den Koffer.
Mein letzter Urlaub Teil Zwei: Zug Zwang
"Niiix Problem Visa", meint er, der Imbisswagenschieber, und
winkt ab mit beiden Händen. Der ist nett. Und der Schaffner vom letzten
Zug, dem D-Zug METROPOL von Berlin nach Budapest? Den fand ich doch seinerzeit
auch noch nett, gestern Abend, als er mir sagte, dass ich eben doch ein
Visum brauche für Jugoslawien. Deshalb bin ich in Budapest doch herumgerannt,
bei einer Stunde Aufenthalt, habe mir im Tourist-Office ein Kreuz in den
Reklamestadtplan machen lassen, dort, wo die jugoslawische Botschaft ist.
Bin mit dem zwanziger Bus schwarzgefahren, ganz schön weit, so dass
mir ganz mulmig wurde, weil die Zeit verrann bis zur Abfahrt vom Hellas-Express
auf Gleis sieben. Als ich die blöde Botschaft endlich gefunden hatte,
fand der Beamte hinter dem Pförtnerfenster auch, dass ich ein Visum
brauche, und zwar für fünfzehn Mark und zwei Passfotos. Passfotos!
Ich schob ihm zwei verkratzte Farbkopien von meinem schönen Kopf
unter der Scheibe durch, im Premium-Format, aber die wollte er nicht.
Dabei war ich darauf gut getroffen, das war mein Schwiegersohnbild. Keine
Zeit, einen Fotoladen zu suchen. Da habe ich mit ihm ausgemacht, zurück
zum Bahnhof zu fahren, dort im Automaten Passbilder zu machen und dann
an der Grenze ein Visum zu kaufen. Und jetzt meint der Minibarmann, Visa
kein Problem. Hm. Na, dann tu ich einfach bis zur Grenze so, als wär's
tatsächlich kein Problem. Tu ich mal für ein paar Stunden wie
ein echter Reisender. Das war in Budapest natürlich schwierig, mit
zu warmer Jacke und zu wenig Zeit in einer fremden Stadt im Bus, und noch
dazu den schweren Koffer selbst tragen müssen. Gerade fünf Minuten
lang schaffte ich es, mich mondän zu geben, als ich nach der Botschaftseskapade,
Gleis sieben im Auge, gemütlich im stehen einen heißen Tee
trank, die Daunenjacke quer vor mir auf dem Tisch. Bis ich unmittelbar
vor der Abfahrt darauf kam, dass der Zug schon längst dastand, nur
eben nicht da, wo ich auf seine Einfahrt wartete. War schnell wieder vorbei
mit souverän reisen. Ich hab es grad' noch so geschafft. Komisch,
hab' ich mir dann gedacht, dass ich das brauchen soll, um wieder ein paar
Monate lang zufrieden Zuhause zu wohnen. Selbstinduzierte Schwierigkeiten
im Urlaub, um das Positive des Alltags hervortreten zu lassen. Möglicherweise
ist es das, was VER-Reisen bedeutet. Umso strapaziöser, desto wirksamer.
Insofern wäre fliegen nicht nur witz-, sondern auch sinn-los. REISEN
wäre dagegen, wirklich unterwegs sein zu wollen - und es zu genießen.
Ich fahre jetzt durchs südliche Ungarn. Es schaut genauso aus wie
in der Altmark, Sachsen-Anhalt. Budapest und Ungarn haben natürlich
schon etwas osteuropäisches, Asbestwellpappe und rostige Straßenlaternen,
aber das finde ich nicht mehr so bemerkenswert. Erstens kenne ich das
schon, und zweitens ist das echt nur so eine Oberflächlichkeit. Wenn
irgendwann mal eine ganz andere Landschaft käme, oder ganz andere
Leute, dann würde ich aufmerken. Ein anderer Geruch. Bisher habe
ich den noch nicht gerochen. Ich hoffe doch, dass in Jugoslawien irgendwann
mal kahle Felsen kommen werden, die dann auch dementsprechend riechen.
Bevor ich in Budapest umsteigen mußte und beinahe den Zug nach Mazedonien
verpasst habe, sind wir eine Zeitlang an der Donau entlanggefahren. Die
junge Ungarin, die mit ihrem Freund aus Sachsen bei mir im Abteil saß,
erklärte ihm ihr Land: "...Und hier haben wir die... in der
Schlacht geschlagen...", "...Das haben wir wiedergekriegt, als...",
"...Das wurde uns weggenommen, weil...". Sie muss bei den wichtigsten
ungarischen Schlachten dabei gewesen sein. Dabei sah sie so jung aus.
Der Sachse war ebenfalls sehr kompetent. Ich wünsche mir häufig,
dass ich die Begeisterung solcher Menschen für sich selbst teilen
könnte. Er war Anfang zwanzig und studierte Informatik. Er hatte
die Ungarin kennen gelernt, als er ihre Schule als Gastschüler besuchte.
Er war Astronomie- und Modelleisenbahnfan, war schon zu Brieffreunden
in Usa und Norwegen gereist und hat vor dem Studium einen Mustang gefahren.
Das war einfach "der Hit" damals. Ich war ganz still, um ihn
nicht zu weiterem Reden zu provozieren. Die Frau fand ich viel lustiger.
Ich habe sie ein bißchen aufgezogen wegen ihrem Patriotismus, ganz
wenig bloß, so, dass wir beide darüber lachen konnten und sie
noch nichtmal wusste, warum eigentlich. Ich habe den beiden Kaffee besorgt
vom Schlafwagen nebenan, als ich mir einen Tee holen wollte. Tee war keiner
da - Gott sei Dank, denn das wäre ein elendes Pulvergesöff gewesen.
Den Kaffee hat er schon so gemacht: Zwei Süßstoff, ein Löffel
Weißpulver, ein Löffel Kaffee löslich, warm Wasser drauf,
Plastikstäbchen, fertig. Ich hab das rübergetragen in unser
Abteil und wollte kein Geld dafür nehmen, der Sachse hat gesagt,
"Hm, guter Kaffee!".
Später, als sie etwas halbherzig umschlungen am Fenster standen und
sich gegenseitig erklärten, was sie sahen, da hab ich mein Geld gezählt
und kam auf knapp 46 Mark. Das war gerade, nachdem mir der Schlafwagenschaffner,
der König des Pulverkaffees in diesem Zug, erzählt hatte, dass
ich für Jugoslawien ein Visum brauche. Wenn das jetzt unverschämterweise
genau fünfzig Mark kosten würde, grübelte ich, dann wäre
ich echt gearscht, vier Mark für Kaffee spendiert zu haben. Dieser
Gedanke fesselte mich, ich hatte ja zu dem Zeitpunkt noch nicht erfahren,
dass ein Visum bloß fünfzehn Mark kostete. Schließlich
bat ich den Sachsen, mir doch noch die vier Mark wiederzugeben, die ich
ihm ausgelegt hatte, ganz schön blöd, aber echt. Vor allem -
jetzt wollte er mir unbedingt zehn Mark geben, das war wirklich peinlich,
er wollte meine sechs Mark Wechselgeld auf seinen Schein einfach nicht
annehmen. Ich hab die Münzen dann für ihn auf dem Sitz liegen
lassen, als ich ausstieg. Würde nur klimpern in Mazedonien.
Über Bargeld habe ich mir nicht allzu viele Gedanken gemacht für
diese Verreise, das stimmt schon. Ich habe Plastikkarten, aber mir ist
aufgefallen, dass ich die Geheimnummern gar nicht mehr zusammenkriege.
Noch habe ich was zu essen, von den Passbildern, die ich am Bahnhof Budapest
von mir machen lassen habe, ist was Geld übrig geblieben, und das
habe ich dann in sehr preiswerte Brötchen und Nusshörnchen umgesetzt.
Angenehm für einen wie mich, kann er sich in Ungarn viele Backwaren
kaufen, sich doch wenigstens ein bißchen wie ein betuchter Reisender
fühlen - auch wenn er in Deutschland nur eine kleine Wanze ist, die
sich im DB-Bahnhofsbistro gar nix leisten kann. Ein echter Reisender -das
bin ich ja streng genommen jetzt sowieso nicht, schon aufgrund meiner
fragwürdigen Motivation- der kann sich nämlich jederzeit Kaffee
oder einen Imbiss leisten. Reisende waren gutgekleidete Leute zu Anfang
des Jahrhunderts, für die Geld keine Rolle spielte und noch weniger
die Menge des Gepäcks. Dreizehn Schrankkoffer und für die Dame
doppelt so viele, plus die Runden für die Hüte. Der Himmel über
der Wüste... Großartig. Das werde ich nie erleben, ein bißchen
traurig ist das schon, obwohl ich es natürlich auch vernünftig
finde, dass Europa keine Kolonien mehr hat. Wenigstens reise ich mit Koffer
und nicht mit Rucksack. Da passt viel mehr rein, weil man ja fast nur
eckige Sachen hat, und Züge sind auch einfach eher für Koffer
ausgerichtet. Leider ist mein Koffer schwer und ich kann ihn nicht weit
tragen. Habe ich ja aber auch nicht vor. Wenn kein Visum dazwischenkommt,
bleibe ich einfach hier sitzen, zwischen lauter ältlichen Damen in
einem nicht zu vollen Zug. Ich muss ja auch nicht öfters umsteigen
als von Berlin nach Salzwedel.
In Ungarn ist es ziemlich eindeutig noch nicht Frühling. Draußen
ist alles khakifarben und sandig, ein paar Leute schaufeln an ihren Feldern
herum. Vielleicht Weinreben. Weiter weg vom Bahngleis sehe ich Wald, Birken
kann ich am weißen Stamm identifizieren. Jetzt wieder Wein. Oder
vielleicht Bohnen. Ein Dorf mit MAZDA-Laden, niedrige Häuser mit
ordentlich ziegelgedeckten Dächern. Das ist noch ein Unterschied
zu Sachsen-Anhalt, da ist die Hälfte der Dächer eingefallen
oder eben aus Asbest. Oder ganz neu und hässlich.
Zwei Kinder habe ich gesehen und einen roten Traktor, und die Frau neben
mir macht ein Preisausschreiben, bei dem sie 112.500 Forint gewinnen kann.
Ganz schön viel. Jetzt packen meine Nachbarinnen ihre Sachen zusammen
und wischen sich die Fussel von den Mänteln. Ich habe noch nichtmal
eine Uhr, um herauszufinden, wie nah ich schon an Jugoslawien bin.
Saugroß, dieses Europe, denke ich jedes Mal, wenn ich auf meine
Karte kucke. Kurz nach Novi Sad kamen plötzlich Hügel und ein
riesiger Fluss. Im Abteil mit mir sitzen jetzt Männer mit dicken
Schenkeln und dunklen Bartstoppeln. Die unterhalten sich, und ich versteh'
natürlich kein Wort. Ich bin jetzt wirklich in einem ganz anderen
Land. Aber total weit weg vom Meer und FKK-Campingplätzen, auf denen
ich mich früher vor Quallen gefürchtet habe. Wenn ich noch nach
Ljubljana will, müsste ich auf der Rückfahrt in Belgrad abbiegen
und nach Zagreb fahren. Die Europa-Karte ist unendlich faszinierend. Wo
ich noch überall hinfahren könnte... Wenn ich noch Geld auftreiben
kann - ach ja, das Visum! In Subotica, an der Grenze zu Jugoslawien, da
war das schon ganz schön knapp. Ich dachte ja nach Budapest und der
Episode bei der Jugo-Botschaft noch, dass ein Visum fünfzehn Mark
kostet. Deshalb habe ich meine fünfzig Mark, die ich so gewissenhaft
beieinandergehalten habe, ja auch für die Passfotos und Nusshörnchen
angebrochen. Danach waren noch etwa vierzig übrig, noch knapp vierzig.
Im Zug von Budapest weg wollte die Schaffnerin dann zehn Mark Sitzplatzgebühr.
Ich habe mich lange doof gestellt, aber sie ging nicht weg, und dann habe
ich eben bezahlt. Es war einfach zu klar, was sie wollte, selbst für
Doofe, die älteren Damen im Abteil hatten auch alle so einen Zuschlagschein,
ich habe das Doofstellen nicht durchgehalten, als sie alle auf mich einredeten.
An der Grenze dann, mußte ich mit einem Soldaten raus aus dem Zug,
und an einem wackeligen Wohnwagen, in dem ein grinsender Alter saß,
ein Visum kaufen. Der rechnete großartig herum, und bei ihm kostete
der Stempel dann dreißig Mark. Gültig für einen einzigen
Tag, wohlgemerkt. Jetzt mußte ich kucken, was ich wirklich hatte:
Das waren 29.28 Mark. Aber auch bloß, weil ich den Sachsen und die
kämpferische Ungarin nicht zum Kaffee eingeladen hatte.
Gerade mal so haben sie sich damit zufriedengegeben. Grimmig geschaut
und mit den Armen gefuchtelt und so. Die 28 Pfennig haben sie nicht genommen.
Ich glaube, Polizisten und Militärs sind so ziemlich dasselbe in
diesen südlichen Ländern, und Fremden dürfen sie anknöpfen,
wozu sie gerade Lust haben. Eigentlich sehen sie alle aus wie von der
Marine. Mit dem Stempel im Pass durfte ich wieder in den Zug, mein Koffer
war mir auch nicht geklaut worden währenddessen. Irgendwann fuhren
wir weiter. Ich aß eins meiner Brote aus der Heimat, und später
die zweite Nussecke aus Tagen, an denen ich ein betuchter Reisender war.
Ich leerte die erste Flasche Wasser. Es kam kein Imbisswagen mehr vorbei,
aber ich hatte eh kein Geld mehr. Kaffee wäre schön gewesen,
zum Nusshörnchen, gerade wo es draußen doch schon wieder so
langweilig flach war, bis Novi Sad. Bloß ein Strich in der Ferne.
Durch den Gedanken an Kaffee bekam ich plötzlich große Lust
auf Skopje, eine Gnade in meiner Gemütslage, endlich etwas zu wollen
und dann noch auf dem Weg dazu sein, es zu bekommen. Dort würde ich
morgens aufwachen, und würde zu essen und zu trinken haben, Kaffee,
Tee, plötzlich freute ich mich darauf, meine Freundin in den Armen
zu halten und sie mit Massageöl einzuschmieren. Nachdem ich mich
nämlich am Montag endlich für Mazedonien entschieden hatte,
war ich durch den Tiergarten zum Zoo geradelt und habe dort was ganz Feines
gekauft. Können wir auch ins Badewasser tun. Ich bin leider nicht
verliebt, aber ich mag sie gerne und finde sie schön. Die ausländischen
Männer in meinem Abteil machen mir dagegen eher etwas Angst. Bei
denen komme ich nicht auf Massageöl. Ich meine, damit will ich wohl
rechtfertigen, dass ich so oft an Frauen und an diese-berühren denke.
Die Männer hier, die machen mich einfach nicht an.
Ach, vergessen Sie's.
33 Stunden Zug.
Kaffee und Tee, und dann mal in die Luft schnuppern. Hoffentlich wird
das gemütlich, bei so einem weiten Weg... Fast bin ich dann schon
in Griechenland oder in der Türkei; an Rumänien fahre ich gerade
vorbei, und wie oft wollte ich dort schon hin? Da soll Skopje schon Endstation
sein? Vielleicht sollte ich weiter, per Anhalter an die Ägäis.
Und dann mit der Fähre zurück, nach Triest. Auf meiner Europa-Karte
geht das, und von dort könnte ich über Ljubljana und Österreich-Klagenfurt
wieder nach Norden. Und sagen: "Was für eine Reise!". Dabei
wäre ich bloß gesessen, und anstelle die Männer in meinem
Abteil nach ihren Kindheitserlebnissen zu fragen und Geschichten zu sammeln,
hätte ich meine Pfennige gezählt und an das letzte Nußhörnchen
zurückgedacht. Aber wie sollte ich mich auch unterhalten? Ich verstehe
ja diese Sprache überhaupt nicht. Wie soll man die Welt bloß
kennen lernen? Schon allein, weil sie so groß ist, und man immer
nur auf fünf Meter breiten Korridoren durch die Länder fährt,
auf der Straße oder mit dem Zug. Wenn ich wüßte, wie
die Welt aussieht, wüßte ich auch besser, wohin ich reisen
will. Flache Länder oder Gegenden ohne Wald würde ich komplett
vermeiden. Außer, wenn nette Leute da wohnen oder es Badestellen
gibt. Ich wünsche mir schon lange eine Weltkarte, die ich antippe,
und dann zeigt sie mir Fotos von der Landschaft an dieser Stelle. Vielleicht
findet das jemand lustig, dass sich im Zeitalter von Multimedia tatsächlich
jemand etwas wünscht, was es noch nicht gibt, anstatt dass er überzeugt
werden muß, sich etwas zu kaufen, was er gar nicht will. Aber bitte,
der Wunsch steht, ich würde für diese CD-ROM, sagen wir, hundertfünfzig
Mark bezahlen.
Für den Anfang ziehe ich in Erwägung, mir eine topographische
Europakarte zu besorgen.
Mitten in der Nacht.
Möglicherweise schon in Mazedonien.
Ich bin jetzt praktisch allein im Zug. In meinem Abteil riecht es nach
Zwiebeln, die der Alte am Fenster bei Leskovac gegessen hat. Ohne alles,
nur ganze Zwiebeln. Er saß lange hier bei mir, aber an der letzten
Station ist er ausgestiegen. Vorher hatte ich immer wieder vergeblich
versucht, aus ihm rauszulocken, wohin er fährt.
Es hat gar nicht gut gerochen, als wir gehalten haben und er ausgestiegen
ist. Ich meine draußen, an die Zwiebeln hatte ich mich gewöhnt.
Ob sich hier der Balkan mit dem Mittelmeer zu einem unangenehmen Geruchsmix
vermischt? Hier in Mazedonien? Ich habe es mir ja noch einmal auf der
Karte angekuckt. Es ist wirklich ganz nah am griechischen Mittelmeer,
und auch an Istanbul. Ich könnte Busreisen unternehmen, von Skopje
aus. Manchmal wartet hinter der nächsten Ecke schon eine ganz andere
Welt und ein neuer Geruch. Schade, dass ich mich mit Geschichte und mit
Politik nicht auskenne, mit Landeskunde und Geologie auch nicht, sonst
könnte ich an dieser Stelle wertvolle Informationen weitergeben.
Auf zerklüftete Felsen warte ich ja selber noch. Wenn zerklüftete
Felsen kommen oder ich sie rieche, dann sag ich Bescheid.
Es kommen schon wieder diese Polizisten in blau. Wollen schon wieder Passport
sehen. Diesmal mit Formular zum ausfüllen. Nicht, dass ich jetzt
noch verschleppt werde, so kurz vor dem Ziel! Ich habe so gute Erfahrungen
gemacht in diesem Zug. Die beiden braungebrannten mit den etwas schmutzigen
Klamotten... "verschlagen" fällt mir ein, dabei waren es
ganz schöne Männer. Ich habe meine Marzipaneier trotzdem nur
zum größten Teil mit ihnen und dem zwiebeligen Alten geteilt,
weil ich ein guter Mensch bin. Zum kleinen Teil auch deshalb, um Freundschaft
mit ihnen zu schließen, damit sie mich nicht ausrauben. Zu der Zeit
saß noch ein schlafendes, verschrumpeltes Weib bei uns im Abteil.
Die hatte sich verzogen, bevor der Schaffner kam, aber ihre drei großen,
leeren Weidenkörbe über mir auf der Gepäckablage liegen
gelassen. Fiel dem Schaffner nicht auf. Ein komischer Deutscher, hat er
sich vielleicht gedacht, reist mit Weidekörben.
Ich habe inzwischen nichts mehr zu essen und zu trinken. Aber es hat gerade
gereicht, bald werde ich ja hoffentlich unter Aufatmen umarmt. Ich hatte
noch ein Vollkornbrot mit schwedischem Butterkäse mehr, aber das
mußte ich noch in Berlin abgeben: "Haben Sie ein paar Groschen
oder etwas zu essen?" hat mich einer in der U-Bahn gefragt. Und ich
wollte nicht lügen.
Jetzt habe ich den mazedonischen Stempel im Pass. Vor fünf Jahren
wurde der Pass ausgestellt, und bis jetzt war kein einziger Stempel drin.
Was soll ich bloß meinen Kindern erzählen, was ich erlebt habe
in meiner Jugend. "Wisst Ihr, da war Europäische Union, und
alle Grenzen waren auf!" "Bäh, langweilig, wir wollen mal
wieder zu Opa, dass der uns Reisegeschichten erzählt!". Oder
zu Oma. Die haben volle Pässe. Sind viel rumgekommen. Hm. Aber hier
waren sie auch nicht. Meine Eltern haben sich in der Jugendherberge von
Rom kennen gelernt, weil meine Mutter total heiß aufs Zugfahren
war. Und weil mein Vater total heiß aufs Autofahren war, könnte
man sagen. Sie wollte so lang wie möglich zugfahren, ohne umsteigen
zu müssen. Und von Berlin war das der Zug nach Rom, der fuhr vierundzwanzig
Stunden oder so. Und Vater war von Bayern aus über Spanien nach Afrika
gefahren, mit einer Ente. Durch die Sahara ist er mit seinem Freund, und
über Italien wieder nach Norden. Und wo trifft sich fröhlich
reisendes junges Volk, seit eh und je? Natürlich, in der Jugendherberge.
Da hat er sie dann angesprochen, "Na Frollein, gutes Buch?"
Da sehn sie mal, wofür Bücher gut sein können. Selbst wenn
sie einem nicht gefallen, dann kann man immer noch darüber reden
- und beispielsweise, statt weiterzulesen, nach Kanada auswandern, dort
Geld verdienen, und zwei Jahre später unbeschwert die Welt bereisen.
Das haben die gemacht, sagen sie, und zeigen mir Fotos. Eigentlich ist
das deprimierend. Bringt mich irgendwie in Zug-Zwang.
Dieser Zug führt übrigens ungarische Waggons. Grüne Kunstledersitze,
schöne Farbe, aber keine Notsitze im Gang wie in den praktischen
alten Waggons in Deutschland. Eine kleine Karte der "Eisenbahnlinien
von Ungarn" klebt zwischen den Fenstern, mit bunt gemalten Bildchen
von den Sehenswürdigkeiten. Über den Sitzen hängen Schwarzweißfotos
und der Boden ist voller Zwiebelschalen.
Mein
letzter Urlaub Teil Drei: Ver Reist
Ich habe ja nichts mehr aufgeschrieben, seitdem ich in Skopje bin. Es
gefällt mir hier nicht besonders gut und ich will wieder zurück
nach Berlin. Damit ist der Zweck der Verreise eigentlich erfüllt
und die Geschichte zu Ende. Ich will aber noch vermerken, was mir zu der
Busreise einfällt, von der ich gerade zurückgekehrt bin, weil
ich nämlich nicht vorhabe, jemals wieder eine solche zu unternehmen,
und mir die jetzt noch frisch in der Erinnerung hängenden Erlebnisse
mitunter eines Tages etwas wert sind. Soviel vorneweg: Als wir am Ende
der dreieinhalbstündigen Rückfahrt Skopje bereits wieder erreicht
hatten, habe ich mich nur beinahe mit dem Fahrer herumprügeln müssen.
Vielleicht war es das Abebben meines Adrenalinspiegels, der während
der Passfahrten deutlich über den dunkelroten Bereich angestiegen
war, das mich im letzten Moment lähmend zurückhielt, aufzuspringen
und brüllend das Radio zu zertreten, aus dem andauernd dieser...
LÄRM! strömte. Diese "Musik". Eine Kombination der
nervtötendsten Instrumente, die der Balkan überhaupt kennt -und
das sind beileibe nicht wenige-, eingestimmt auf exakt die Frequenz, auf
der meine Widerstandskräfte am geringsten sind, SÄGT mit perfide
berechneter Gleichmäßigkeit Stück für Stück
meine Nervenenden kaputt. Kennen Sie Bayern eins? Ähnlich.
Unmenschlich.
Wimmern, Winseln, Jammern, am Rockzipfel hängen, in einer Lautstärke,
die kein Entkommen duldet. Und das nach dieser Passfahrt! Die Berge hoch!
Die Kurven eng! Der Geschwindigkeitsunterschied zwischen Vollgas-Bus und
vollbeladenem Eselsfuhrwerk enorm! Die Nächte dunkel, die Esel unbeleuchtet.
NA UND? Ein Bus muß rollen, in Kurven kreischen und knirschen, ein
Bus muß überholen, alles, was in die selbe Richtung fährt.
Das ist eine Glücksfrage vor den Kurven, sonst gar nichts, aber die
Dummen haben Glück und dieser Busfahrer ist ein VOLLIDIOT! Als Filmszene
ausgedacht und in einem Drehbuch beschrieben: Kein Stuntteam würde
hinkriegen, was ich heute erlebt habe. Kein Stuntman würde sich in
diesen Linienbus setzen, wenn er wüßte, auf was er sich einlässt.
Kameras müssten ferngesteuert hier installiert werden, keine Filmversicherung
würde zulassen, dass so eine Fahrt von einem bei ihr Versicherten
begleitet wird. Befreiendes Erlebnis? Vergessen Sie's. Befreiend höchstens
die Erfahrung, mit dem Leben abgeschlossen zu haben und dann doch noch
eine Chance zu bekommen. Morgen fahre ich nach Deutschland zurück.
In meine Wohnung mit Fenster zum Hinterhof, ich werde Rohkost essen und
Fahrrad fahren, ich werde Bücher über das Reisen lesen; Reiseführer
sammeln anstatt mich verreis(s)en zu lassen
Es ist auch viel zu laut hier. Samstag Nacht, die Fenster meiner Freundin
haben einfache Verglasung und schließen schlecht, und die jungen
Mazedonier feiern ihre südländische Fröhlichkeit genau
unter diese Wohnung. Das kommt mir alles sehr entgegen, denn jetzt freue
ich mich wirklich wieder auf mein Zuhause.
Skopje an sich ist allerdings nicht reizlos. Amüsant finde ich bis
zu einem gewissen Grad die Architektur: Beton. Das gefällt mir schon
am Alexanderplatz: Wenn wir dreieckige Schalen und runde Röhren aus
der Hauswand ragen lassen würden, ob das aussieht...? Oh - leider
nein. Aber toll, dass es hält!
Es gibt einen kleinen Hügel mit älteren Häusern, die nicht
im Erdbeben von 1963 zusammengefallen sind und durch Beton ersetzt wurden.
Dort verkaufen Türken Börek und Tee, aber meine Begleitung erklärte
mir, dass Fremde dort nicht erwünscht seien. Sie gibt sich auch Mühe,
muß ich sagen, mir den Spaß an den Zigeunern und Albanern
zu nehmen. Erstere leben bunt zusammen in kleinen Hütten auf einem
anderen Hügel als die Türken. Ich freue mich, wenn sie mich
anlächeln und nicht nur stolz ignorieren, aber meine Freundin redet
nur von dem Zigeuner-"Problem". Albaner hört sich für
mich erst mal spannend an, aber über die weitgehend unbekannten Zustände
dort drüben hinter den schneebedeckten Gipfeln erzählen die
jungen Mazedonier nicht nur Schauermärchen, sondern zeigen offen
ihren Ärger gegen die politischen Unternehmungen der in Mazedonien
lebenden Albaner. Ohne allerdings selbst politisch aktiv zu werden - zum
Teil, ohne selbst auch nur wählen zu gehen. Okay, ich bin doof und
ergreife immer Partei für den, der die zerrisseneren Klamotten anhat,
des weiteren bin ich spießig und verklemmt und zum Reisen völlig
ungeeignet - aber ich kann mir so was doch nicht einfach so anhören!?
Die Mazedonier, die mir von den Albanern vorschimpfen, tragen Markenklamotten
und sind mit hohen Regierungsangehörigen befreundet - das funktioniert
nicht, dass ich jetzt einfach mit ihnen über die Albaner schimpfe.
Ich bin in meiner Weltanschauung immer noch dabei, auf Markenklamotten
zu schimpfen.
Bin ich also nicht ganz glücklich über meine Anlaufstelle hier.
Sie ist auch so jung. Und manchmal so desinteressiert an ihrem Land. Das
macht mir gar keinen Spaß. Wenn ich Deutschland irgendwie besser
und netter machen könnte, würde ich das wenigstens versuchen.
Höhö.
Ich habe eben keine weißgekalkte Wand, die von der Sonne beschienen
wird und duftet. Das mit dem Landhaus ist enttäuschend. Wir waren
auf dem Land, für eine Nacht, und am Freitag Morgen saß ich
dann tatsächlich auf einer sonnenüberfluteten Terrasse. Auf
einmal bekam ich eine Ahnung, dass es möglich sein könnte, auf
dieser Terrasse zu sitzen und zu... schreiben!
Aber dann stellte sich heraus, dass Mutter wochenendes immer in das Landhaus
fährt und bereits unterwegs war. Ich hatte gerade gedacht, wir hätten
sie abgehängt, als wir aus der Stadt wegfuhren, aber sie schien uns
zu verfolgen. Schon in Skopje hatte sie mich betuddelt, und so was konnte
ich also nun überhaupt nicht ab. Mit der Mutter im Anflug war das
Landleben gelaufen, ich brauchte meine Ruhe, schlimm genug, dass meine
Bekannte nicht einem eigenen Leben nachging, sondern meinem. Ein Tiefpunkt
der Donnerstag Abend:
Gottistdasschrecklichzuzweitzusein.
Ich liege auf diesem Sofa, das ist eh schon hart an der Grenze der Erträglichkeit,
dieser selten-benutzt-Ferienhausgeruch, dieser elektrofönmäßige
Heizlüfter, ich liege da und denke beziehungsweise ärgere mich,
dass ich keine Gefühle aufbringe für dieses Land und diese Frau
und mein ganzes momentanes Leben hier, eingezwängt zwischen zweiundzwanzigjährige
Partygänger und ihre Eltern, denen es wichtig ist, dass das Bett
jeden Tag gemacht wird, aber die sich nicht schuldig bekennen, eine Wohnung
mit dunkelbraunen Spanplattenmöbeln zu entstellen. Da liege ich,
und eigentlich ärgere ich mich, dass ich nicht schreiben kann, was
ja das Blödste überhaupt ist, und mich zum größten
Idioten von allen abstempelt, da liege ich und weiß nicht was, als
die Frau anfängt, irgendwelches Essgeschirr abzuräumen und das
Sofa zu verbreitern, also, um sich dazuzulegen. Und dann will sie auch
noch wissen, ob das okay ist, he Frau, als ob ich nicht grad andere Sorgen
habe. Und ich hab Massageöl gekauft, Gottistdasschrecklich.
Ich habe eine ganze Menge gesehen und gerochen, und darüber würde
ich gerne ein paar Seiten schreiben, aber was fehlt, ist ein großes
Gefühl, das mir die Finger bewegt. Es ist warm hier, und ich habe
ja auch eine Terrasse gefunden, aber es ist nicht so, wie es in meinem
Kopf war, als ich noch Zuhause saß und weg wollte. Ich bin interessiert,
aber mit der Zeit gähne ich trotzdem. Ich finde den Beton lustig,
aber ich fange deswegen nicht an, lauthals zu lachen. Meistens fühle
ich mich ja noch nichtmal wohl. Ganz nett ist es vielleicht schon gewesen,
das Hirn hab ich gelüftet, indem ich an alle Ecken und in alle Kanten
gegrübelt habe, über Reisen, Schreiben, Leben; Film, Arbeit,
Wohnen undsoweiter. Aber alles in allem ist dann doch das Gefühl
obendrauf, dass ich das nicht gut hinkriege, Urlaub und Verreisen, dass
es wirklich wehtut, so, wie ich es schon mal geschrieben habe - mehr,
weil es sich gut anhörte, als weil ich Lust auf Schmerz hatte. Ich
will hier wieder weg, und wenn mich jemand fragt, wie's war, dann muß
ich irgendwie ausweichen: Der Bruch mit dem Alltag war gut! Lustige Sache!
Große Berge mit Sonne drauf!
Hat seinen Zweck erfüllt. Ich wollte ja VER-reisen. Bin ich!
Mein
letzter Urlaub Teil Vier: Wieder Froh
Es gibt so-viel-Glück.
Das Buch, das ich lese, ist toll. Es macht, dass ich mich freue. Das ich
an bunte, neue und alte Sachen denke.
Mein Fenster ist toll. Groß und frisch und grün und hell.
Mein Schreibtischsessel ist toll. Breit und weich, und wohlwollend kippt
er nach hinten, wenn ich mich zurücklehne.
Ich freue mich, dass ich selbst so gut schreibe. Und heute Abend gehe
ich ins Theater.
Es ist einfach toll hier.
|
|