Wir
waren bei Onkel und Tante eingeladen - "Wir sind schließlich Onkel
und Tante" und Herbert kam auch und Cousin Remy mit seiner Braut
und Cousine Melanie mit ihrem Mann Blague waren sowieso da. Massiv,
vor allem die Cousine, ein Gebirge aus Fleisch, von wegen, eher
Götterspeise, aber das waren nicht meine Götter. Remy und Herbert
können sich überall amüsieren und dass der Campingplatz, auf dem
Remy als Platzwart arbeitet, verkauft werden soll als Bauland,
das ist immer Stoff für Diskussion. Tante Jutta im Zwiespalt:
Will sie doch lieber über Familie reden, die sich viel zu selten
trifft, kommt aber nicht an gegen Remys laute Stimme. Da fragt
sie mich, was ich Sylvester getan habe. Ich fange an von dem Job
beim dämlichen Fernsehen zu erzählen, da fasst sie plötzlich Mut
und verkündet laut, sollten doch alle zuhören was Micha zu erzählen
hat. Ich rezitiere artig, dann geht es weiter mit dem Campingplatz.
Ich frage leise zurück, wie war's denn bei euch?, Onkel Norbert
erwacht und will vom Kurhaus in Wiesbaden erzählen, aber "warte,
gleich". Sein Blick sucht nach einer Parklücke zwischen "wassolldas,Bauland,dasistgleichamNaturschutzgebiet,
wirhabenUnterschriftengesammelt!", Jutta kommt ihm zu Hilfe: "Nu
hört doch mal, wir haben über Sylvester geredet, wir waren doch
noch gar nicht fertig!". Hat sie Norbert den Weg freigemacht:
Sie waren nämlich bei Tante Ines in Wiesbaden im Kurhaus zu Sylvester,
gönnen wir uns haben wir uns gedacht, so einen richtigen Ball,
mit der Taxe hin erstmal, den Schlag öffnete einer mit Zylinderhut...
und ein wunderschönes Feuerwerk ohne Knaller, klassische Musik,
sechs Gänge Menü, aber fein, nicht so eine Völlerei wie bei uns
in Deutschland... Einwurf: Wiesbaden ist doch in Deutschland-?
Na, Norbert winkt ab. Der alte Westberliner, bringt schon alles
durcheinander.
Der Mann meiner dicken Cousine erzählt, dass er Zuhause in Serbien
300 Videos hatte und Jutta drängt mich, von meinem Studium zu
erzählen - Blague weiß schon, was ein Drehbuch ist. Jutta ist
betrübt, weil er nicht arbeitet und für Melanie ein schlechtes
Beispiel gibt. Er hätte Hotelfachschule machen können und alles...
"wie alt bist du" fragt er mich und wiederholt mein Alter dann
immer mit einem Kopfschütteln. Was hat er bloß, bin ich ihm zu
alt oder zu jung für meinen erreichten gesellschaftlichen Status?
Jedenfalls redet er über Spielbanken, nachdem Norbert nochmal
von Wiesbaden zu erzählen versuchte, wo ein fünf-Mark-Jeuton fürs
Casino in der Eintrittskarte klebte. Blague hat selbst gesehen,
wie Leute 12 000 Mark am Roulettetisch verloren haben, hatten
einen ganz roten Kopf danach, alle fallen ein, Spielen ist praktisch
eine Krankheit und Norbert kommt überhaupt nicht mehr zum erzählen,
alle anderen haben Lauteres zu sagen. Ich unterhalte mich nochmal
kurz mit Jutta über Teilzeit und Pensionierung, esse das letzte
Stück Kuchen und muss dann auch gehen.