(Allgäuer Zeitung vom 27.11.08)

Beim «Schnee von gestern» schmelzen auch Berliner

Dokumentarfilm - Nach Gastspiel in Hauptstadt bald wieder in Pfronten

Berlin/Pfronten | az | Michael Würfel hat einen Film über seinen Rückkehrversuch nach Pfronten gedreht - und für Pfrontener scheint der Film interessant und witzig zu sein. Das zeigen zumindest die begeisterten Reaktionen nach der Vorpremiere im April im Pfarrheim Pfronten (wir berichteten). Offen war jedoch noch, ob der Film Würfels Ziel gerecht werden kann, «so persönlich zu sein, dass er universell gültig wird». Sprich: Interessiert das Thema auch jemanden, dem zwar «Heimat», aber nicht «Pfronten» ein Begriff ist?

Seit vergangenem Wochenende kann die Frage bejaht werden. Nachdem keines der ersten Dutzend Festivals, die mit dem Film beschickt wurden, ihn ins Programm nahm, erlebte er am Sonntag seine Hauptstadt-Premiere im Kino «Blow-Up» in Berlin-Prenzlauerberg. Neben geladenen Exil-Allgäuern, die sich in Person und auf Fotos im Film wiederfanden, und Filmkollegen saßen etliche Zuschauer im voll besetzten Kinosaal, die weder Würfel noch Pfronten kannten und sich nach eigenem Bekunden gut unterhalten und zum Nachdenken angeregt fühlten. Denn tatsächlich hat ja - gerade in einer Stadt wie Berlin, die voller Zugereister ist - fast jeder einen Heimatort, der entweder ein anderer ist als der, an dem er lebt, oder der sich stark verändert hat.

Hinter einem wird aufgeräumt

So fragte ein gebürtiger Berliner, ob Würfel sich tatsächlich vorstellen konnte, in Pfronten wieder aufgenommen zu werden. Er selber habe in den Jahren, nachdem er Berlin verlassen hat, regelrecht das Gefühl gehabt, hinter ihm wäre aufgeräumt worden - der alte Kindergarten wurde asbestsaniert und umgebaut, am Ort der ehemaligen Schule steht jetzt ein Discounter. Nichts sei mehr so, wie es mal war, er fühlte sich nicht mehr willkommen, als er zurückkam. Eine andere Zuschauerin, eine gebürtige Schweizerin, wollte wissen, ob Würfel wirklich geglaubt habe, in Pfronten über die Dauer des Filmprojektes hinaus bleiben zu können, nach all den Jahren in der Stadt.

«Vielleicht bin ich naiv», antwortete der Regisseur, «vielleicht bin ich bei so was auch nicht realistisch genug - aber ich kann mir einfach nicht im Voraus vorstellen, wie es mir irgendwo gehen wird. Ich kann mir viele Orte vorstellen und in den schönsten Farben ausmalen. Und in Pfronten ist es wirklich toll » - es folgte eine Aufzählung der Vorteile Pfrontens, die eines Tourismusdirektors würdig wäre und ahnen lässt, dass Würfel es wohl wirklich ernst gemeint hat mit der Rückkehr.

Würfels Heimatsuche geht indes weiter - er lebt jetzt in einer Gemeinschaft auf dem platten Land, die dabei ist, ein Dorf nach ökologischen und sozialen Gesichtspunkten neu zu gründen.

Im «Ökodorf Sieben Linden» fehlen ihm zwar die Berge und die vertrauten Orte, dafür darf man dort nach Herzenslust experimentieren, wie es sich am besten leben lässt. Es braucht halt doch jeder was anderes, um sich zu Hause zu fühlen

Würfels Film sichten momentan zehn internationale Filmfestivals. Demnächst ist er aber erst einmal wieder in Pfronten zu sehen, nämlich am 6., 7. und 8. Dezember jeweils um 20 Uhr im Filmtheater (am Sonntag, 7. Dezember, auch um 16 Uhr).

Infos zum Film und Würfels derzeit neuer Heimat im Ökodorf Sieben Linden im Internet unter:

www.meinheimatfilm.de

www.oekodorf7linden.de


Im Gespräch nach der Vorführung: Würfel (links) mit Coproduzent Gregor Streiber und Zuschauerinnen